Chronik


Im Sommer 1990 lernte ich am Strand eines Badesees die Saulheimer Freunde Stefan Wasserburg und Ludwig Eglseer kennen. Wir verstanden uns auf Anhieb so fantastisch, daß wir uns immer öfter trafen. Dies artete meist in nächtliche "Mensch-ärgere-Dich-nicht"-Orgien aus.

So entstand in diesem Sommer eine wunderbare Freundschaft.

Ich hatte damals gerade meine ersten Engagements nach Abschluß der Schauspielausbildung.

Und da jeder Schauspieler sein Publikum braucht, ließen sich Stefan und Ludwig bereitwillig zum Ansehen fast sämtlicher Stücke überreden. Auf diese Art erlebten sie meine ersten schauspielerischen Gehversuche mit. Sie freuten sich über meine Erfolge, trösteten mich aber auch über die bitteren Niederlagen und deprimierende Kritiken hinweg.

Das Allergrößte für mich war jedoch, daß die beiden zu jedem Zeitpunkt meiner bisherigen Karriere an mich und meine Zukunft sowohl auf Bühne als auch auf der Leinwand glaubten.

Im Verlauf der nächsten Jahre, liebäugelten Stefan und Ludwig immer häufiger mit dem Gedanken, sich ihren Lebenstraum zu erfüllen und eine "Kneipe" aufzumachen. Allerdings erwies es sich als unendlich schwer, ein geeignetes Objekt zu finden.

Bis im November 1994 das Telefon bei mir zuhause in Frankfurt klingelte: 
"Hallo Gerry, ich bin´s. Stefan! Du wir haben da in Alzey eine Gaststätte gesehen, da könnte man was draus machen. Und stell Dir vor, hintendran ist ein Saal mit einer winzigen Bühne. Da haben wir uns gedacht, Du könntest dort ein Theater reinbauen..."

"Kauf´s!", schrie ich ins Telefon. "Kauf´s!"

"Ja, willst Du Dir´s denn nicht vorher mal ansehen?"

Und ob ich wollte. 

Schon am nächsten Tag besahen wir uns die Gaststätte auf´s Genaueste.

Obwohl der teilweise ruinöse Zustand eine Menge Arbeit versprach, waren wir alle begeistert.
Stefan veräußerte seine Mainzer Heizungsfirma, Ludwig hängte seinen Malerbetrieb an den Nagel und gemeinsam erwarben sie die "12 Apostel".

Als erstes rief ich meine Schauspielkollegen Lothar Wirth, Carola von Klaß, Beate Rummel, Ralf Sande, sowie Kurt und Ute Weyrauch an (den meisten ohnehin mehr freundschaftlich denn beruflich verbunden) und berichtete ihnen von meinen abenteuerlichen Theaterplänen. Sie alle sicherten mir ohne große Worte augenblicklich ihre Unterstützung zu.

Ich kratzte meine Ersparnisse zusammen, die eigentlich als Anzahlung für eine Eigentumswohnung gedacht waren, und stürzte mich in die Renovierung des Saals. Da mein Sparstrumpf nur für eine sehr kleine Eigentumswohnung gereicht hätte, wurde schnell klar, daß dieses Theater mit eigenen Händen gebaut werden wollte.

Nun hatte ich nicht allzuviel Ahnung von solch handwerklichen Tätigkeiten. Trotzdem ließ ich mich von dieser unerheblichen Tatsache keineswegs verunsichern. Immerhin hatte ich schon ein paar mal einen Handwerker gespielt.

Ich will nicht sämtliche Mühen und Pannen schildern.

 Nur soviel sei gesagt: Ohne die tatkräftige Hilfe meiner gesamten Freunde hätte ich es letzten Endes niemals geschafft.

So aber konnte ich getrost dem Premierentag am 29.09.1995 entgegenfiebern.

Das Stück zur Einweihung des Theaters "Zum verrückt werden!" hatte ich in den Pausen zwischen Proben und Abendvorstellung bei meinem damaligen Arbeitgeber, dem "Theater am Platananhain" in Darmstadt, kurz "TAP", in einem netten Café geschrieben.

Je näher der Premierenabend kam, umso größer wurde das Schlafdefizit. Fast die gesamte letzte Woche arbeiteten wir die Nächte durch.

Erste Panikanfälle erfassten mich zwei Tage vor der großen Stunde, als die Zuschauersessel - eine ausgemusterte Kinobestuhlung - noch nicht montiert waren.

Am nächsten Tag waren es schon keine Anfälle mehr, die Panik war permanent.

Um 19.00 sollte Einlaß sein.

Aber um 19.05 tackerten wir noch immer die Soufitten an den Theaterhimmel. 
Vorstellungsbeginn war um 19.30 Uhr.

Der Termin war deshalb so früh angesetzt, da mein Jahresvertrag mit dem "TAP" noch bis Ende Oktober lief.
Das hieß, daß ich der Vorstellung gar nicht beiwohnen konnte, sondern selbst auf der Bühne stehen musste - allerdings nicht auf der eigenen. Deshalb wollte ich wenigstens die Eröffnungsrede halten, bevor ich nach Darmstadt donnerte.

Kurz vor halb acht öffneten wir dann endlich zum ersten Mal die Pforten, nachdem die Schauspieler noch beim Aufräumen und Putzen halfen.

Wie jede Geburt, begann auch die des Theaters mit unüberschaubaren Chaos.

Ich hielt eine kurze Rede vor vollem Hause (ein Zustand, der sich nicht so schnell wiederholen sollte) und raste dann nach Darmstadt.

Als ich wiederkam erfuhr ich von einer gelungenen Premiere.

Damit war das Kind geboren. 

Jetzt mußte es lernen zu laufen.

Es folgte eine Zeit mit weitaus mehr Tiefen als Höhen. Besonders schwierig war nicht nur das Suchen von wirklich lustigen Stücken mit kleiner Besetzung, sondern auch das Bezahlen der Tantiemen für selbige. So griff ich eher aus der Not wieder zur Feder. Und da diese Stücke beim Publikum großen Gefallen fanden, machte ich aus der Not eine Tugend.

So sind wir heute die einzige Komödie mit ausschließlich selbstgeschriebenen Komödien.
Auch wenn wir fleißig unsere Plakate in und rund um Alzey bis nach Mainz, bzw. Worms verteilten, fanden wir nur mäßigen Zuspruch.

Dies sollte sich erst ändern, als Peter Weber, ein Alzeyer Friseurmeister, der jahrelang Live-Moderationen für "WELLA" gehalten hatte, auf unserer Bühne sein Schauspieldebüt gab.

Und zwar ohne Gage.

Und mit einem echten "Alser" auf der Bühne, überwog plötzlich die Neugier die Schwellenangst.

So kam es, daß wir im September 1997 zum ersten Mal wieder vor vollem Hause spielten. Und das sollte sich Wochenende für Wochenende wiederholen. Seither zählt Peter Weber nicht nur zum festen Ensemblestamm, sondern wegen seiner menschlichen Fähigkeiten auch zu meinem engen Freundeskreis.

Trotzdem krankte der Erfolg des Theaters an unserem Werbungssystem. Und das trotz der tatkräftigen Unterstützung durch die Allgemeine Zeitung AZ und dem Alzeyer Wochenblatt.

Mit nur einem gut besuchten Stück pro Jahr konnte ich unmöglich die 10-wöchige Sommerpause auffangen.
Wir mußten also den Radius unseres Besucherkreises vergrößern.

Dies gelang erst in der Saison 98/99 als sich aus Stammgästen und Theaterfans ein Förderverein bildete, der sich zum Ziel setzte, das Theater nicht finanziell, sondern durch Werbeaktionen zu unterstützen.

Und dieser Plan ging auf.

Und zwar so schnell, daß ich nicht mehr in der Lage war, den Andrang der Reservierungen alleine entgegen zu nehmen. Jedoch war das Theater was Organisation und Administration anging immer als Ein-Mann-Betrieb konzipiert. Für eine zusätzliche Arbeitskraft, die die Reservierungen entgegennehmen könnte, war einfach nicht genug Geld vorhanden.

Just zu dieser Zeit bot mir Karin Stark an, kostenlos in Ihrem Reisebüro eine feste Kartenreservierungs- und Vorverkausstelle einzurichten.

Und dieses neue "Kartentelefon" machte sich von der ersten Minute an bezahlt.

Zum ersten Mal in seiner jungen Geschichte, kann das Theater ein wenig sorgloser in die Zukunft blicken.

To be continued…

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